Antrag zur Verbesserung des Lehramtsstudiums und zur Aufstockung an Berliner Schulen

Der Berliner Lehramtsstudiengang ist durch viel Theorie und mangelnde Praxiserfahrungen gekennzeichnet. Da es nach dem 2. Bachelorsemester ein Orientierungspraktikum gibt, in welchem man aber nur als „Beobachter des Unterrichtsgeschehens“ fungiert und nur freiwillig selber ein oder zwei Stunden unterrichten kann, hat die Mehrheit aller Berliner Lehramtsstudierenden bis zum Praxissemester im 3. Mastersemester, also nach drei Jahren, so gut wie keine eigene Unterrichtserfahrung. Dieser Fakt ist auch nach Studienordnung so vorgesehen: sechs Semester ohne Praxiserfahrung! Während oder nach den Studiums stehen die meistens aller Studierende dann vor dem sogenannten „Praxisschock“. Das hat vor allem zur Folge, dass eine Reihe an fertig ausgebildeten Lehrkräften am Ende ihres Studiums, im Referendariat oder am Anfang ihres Berufs feststellen, dass der Beruf doch nicht zu ihnen passt oder sie ihn sich anders vorgestellt haben. Weiterhin werden Studierende, die sich selbstständig einen Nebenjob an einer Schule organisieren, im wahren Unterrichtsgeschehen mit Situationen konfrontiert, worauf sie im Studium nicht ansatzweise vorbereitet werden. Deswegen fordern wir die Umstrukturierung des Lehramtsstudiums hin zu einem praxisorientierten Studiengang. Dies soll folgendes beinhalten:

1. Wir fordern, dass in Zukunft zwischen reinen Wissenschaftsmodulen und Lehrveranstaltungen mit Lehramtsbezug unterschieden wird. Wir fordern, dass die Lehrinhalte mehr auf den Lehrerberuf und die Wissens- und Kompetenzvermittlung angepasst werden und Inhalte, die für den Lehrerberuf nicht notwendig sind, gestrichen werden. So müssen beispielsweise Studierende, die eine Sprache studieren dieselben Inhalte wie angehende Sprachwissenschaftler lernen, die tief in die sprachwissenschaftliche Forschung gehen, obwohl das für den späteren Fachunterricht an Schulen überhaupt nicht von Bedeutung ist.

Denn wer, um am Beispiel Deutsch zu bleiben, Germanistik mit Lehramtsoption studiert, ist nach dem Studium ein ausgebildeter Sprachwissenschaftler. Lehrkräfte sind aber Wissensvermittler und keine Wissenschaftler. Das Lehramtsstudium muss sich also viel mehr auf die Realität des Berufsfeldes konzentrieren und nicht nur auf die pure Fachrichtung. Weiterhin ist eine der Hauptbelastungen der Lehrkräfte der Umgang mit den Eltern, was im Studium ebenfalls kaum thematisiert wird. Auch hier sind die Studierenden auf sich selbst gestellt.

2. Wir fordern, dass alle Lehramtsstudierenden ab dem 2. Semester einen Tag pro Woche verpflichtend an einer Schule tätig sind, in der sie die Lehrkräfte unterstützen, SuS mit Unterrichtsaufgaben helfen und den Schulalltag aus der Perspektive der Lehrkraft kennenlernen. Beispielweise sollen sie Unterrichtsstunden einleiten, beenden oder Teile selbst unterrichten, an Konferenzen teilnehmen etc. Dies würde ebenfalls die Lehrkräfte teilweise entlasten. So würden sich Praxiserfahrung für Lehramtsstudierende und mehr personelle Unterstützung an den Schulen ergänzen. Dabei orientieren wir uns an den zahlreichen Medizinstudierenden in Krankenhäusern.
Hier soll Anwesenheitspflicht wie in einem gewöhnlichen Seminar gelten. Damit die Studierenden zeitlich entlastet werden, sollen die bereits oben genannten Module, die keinen Bezug zum Lehrerberuf haben, gestrichen werden. Diese „Schultage“ sollen also nicht zusätzlich eingeführt werden, sondern sollen die Module mit fehlendem Bezug zur Schule ersetzen. Viele Lehramtsstudierende sind gewillt sich mehr zu engagieren und mitzuhelfen, was ihnen aber erschwert wird. Geben wir ihnen mehr Verantwortung und die Chance sich zu beweisen! Der Studiengang muss eine Verzweigung aus Theorie und Praxis sein.

3. Ebenfalls fordern wir, dass diese Praxistage jährlich an anderen Schulen mit anderen Ausrichtungen absolviert werden können, wobei jeder Studierender für weiterführende Schulen wenigstens einmal während seiner Studienzeit an einem Gymnasium und einem ISS gewesen sein soll. Dazu fordern wir auch, dass in Verträgen zwischen Schule und Universität festgehalten werden muss, dass die Studierenden nicht als Vertretungslehrkraft eingesetzt werden sollen. Es soll sich also um eine Unterstützung und um keinen Lehrkräfteersatz handeln, da die Studierende sonst als Lehrkräfteersatz angesehen werden könnten und wahrscheinlich keine weiteren Lehrkräfte eingestellt werden würden. Dennoch fordern wir, dass die Arbeit an den Schulen wie in anderen praxisorientierten Studiengängen vergütet wird. Gleichzeitig kann diese Erfahrung die spätere Jobsuche vereinfachen, weil die Schulen somit mehr Praxiserfahrungen und mehr Empfehlungen hätten als nur das Referendariat und die reine Abschlussnote.

4. Damit die Studierenden mit ihren Erfahrungen an den Praxistagen nicht alleine gelassen werden, fordern wir, dass diese Tage im Rahmen eines begleitenden Pädagogikseminars besprochen werden. Dabei können die aktuell vorgesehenen Pädagogikmodule nicht nur theoretisch, sondern praktisch integriert und genutzt werden. Dies erachten wir als besonders notwendig, da das aktuelle Lehramtsstudium nur wenig Situationen thematisiert, mit denen angehende Lehrkräfte im realen Schulalltag konfrontiert werden. Da es keinen homogenen Typ einer Schulklasse gibt, sind die aktuellen Themeninhalte der Pädagogikmodule häufig nicht übertragbar. Hier wird von Kindern aus der Mittelschicht an „guten Schulen“ ausgegangen. Dass man eine komplett andere Herangehensweise an Schulen mit hohen Abbrecherquoten und tendenziell schlechten Noten braucht, wird ebenfalls kaum berücksichtigt. Das führt folglich dazu, dass sich die Mehrheit nach dem Studium nicht dazu entscheidet, an eben genannte Schulen zu gehen. Auch hier besteht Nachholbedarf.

5. Wir fordern, dass eigene Unterrichtseinheiten im Orientierungspraktikum im Bachelor verpflichtend sind. Dies soll nicht nur die Ausnahme, sondern die Regel sein.